Architektur und Katastrophe

Studie zu den planerischen Entwicklungen nach der Katastrophe im Aluminiumwerk von Kolontár im Oktober 2010 in Ungarn

mit Christina Lenart und Michael Klein

START-Stipendium des BMUKK, 2011-12

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Rund zwei Jahre waren seit unserer ersten Beschäftigung im Jahr 2008 mit der Region um die ungarische Industriestadt Ajka vergangen. Der europaweite Wettbewerb Europan 10 rückte damals die Stadt mit der Frage, wie sich mit dem modernistischen Zentrum dieser Stadt umgehen ließe, zumindest für ein Fachpublikum in dessen Wahrnehmungsfokus. Diese zu Österreich geografisch so nah gelegene und gleichzeitig hier relativ unbekannte Gegend, wurde rund zwei Jahre später weit über die Wahrnehmungsgrenze eines Fachpublikums hinaus durch ein Ereignis bekannt: Die Giftschlammkatastrophe von Ajka im April 2010. Die allgegenwärtige sozialistische Geschichte des Landes trat aus ihrer Bedecktheit hervor: in Form roten, giftigen Schlammes aus dem Retentionsbecken der Aluminiumfabrik, die zugleich die Besiedelungs- und Beschäftigungsgrundlage für die Bevölkerung der Region bildet.

Ganze Ortsteile wurden innerhalb eines Jahres abgerissen und neu gebaut, da angesichts der einsetzenden Abwanderung schnelles Handeln gefragt war. Als Hilfeleistung galten die neu errichteten Einfamilienhaus-Siedlungen primär als etwas Positives, da Hilfe an sich ein positives Vorzeichen trägt. Die schnellen Entscheidungen und das schnelle Handeln waren also die Folge einer dringenden Notwendigkeit. An diesem Punkt fanden wir es wichtig anzusetzen und die Notwendigkeit der Wahl architektonischer und planerischer Mittel zu verstehen und zu hinterfragen. Die Frage, die uns in diesem Zusammenhang interessiert, ist dreiteilig: Inwiefern unterscheidet sich der Wiederaufbau in der Region um Ajka von Hilfsaktionen nach anderen Katastrophen ähnlichen zerstörerischen Ausmaßes? Wie lässt sich dieser staatlich geleitete Wiederaufbau
zwischen der traditionellen Baukultur dieser Region, den staatlich geplanten Bauprojekten während des Kommunismus und individuellen privaten Bauunternehmungen während und nach dem Kommunismus einordnen? Welche Rolle spielte dabei die Katastrophe als Beschleuniger von Siedlungsentwicklung?
Im vorliegenden Bericht fassen wir unsere Recherche dieser Region vor dem Hintergrund der Schlammkatastrophe zusammen. Dabei beziehen wir uns auf Medienberichte, Interviews, die wir mit verschiedensten Beteiligten geführt haben, eine Konferenz in Budapest anlässlich der Wiederaufbauarbeiten, literarische Quellen, historische und aktuelle Karten und auf Lokalaugenscheine. Mit Hilfe zeichnerischer Analysen werden unterschiedliche historische Phasen miteinander verglichen und so die Merkmale der neuen Siedlung ermittelt.

Im eingetretenen Krisenfall stellt die Rolle der Architektur eine mögliche Chance dar, an die im Projekt „Ajka Transforum“ aufgezeigten Aspekte der Nutzerbeteiligung, Nutzungsoffenheit, Flexibilität und Erweiterbarkeit anzuknüpfen und in Form einer Studie weiter zu vertiefen und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zumachen
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